Personen | "Das beste Verhältnis seit 2000 Jahren"Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller über den Zustand der katholischen Kirche, die veränderte Karfreitagsfürbitte und das Verhältnis zum Judentum
Herr Bischof Müller, die katholische Kirche befindet sich derzeit in einer schwierigen Lage: Immer wieder kommen neue Missbrauchsfälle ans Tageslicht, die Zahl der Austritte steigt. Kann, muss sich die Kirche verändern?
Natürlich gibt es jetzt durch die Missbrauchsfälle diese Redensart von einer Krise. Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, wie man mit solchen Untaten in den eigenen Reihen umgeht. Aber sie sind für den katholischen Klerus nicht spezifisch. Das gibt es - Gott sei's geklagt - auch unter anderen Religionsvertretern und leider auch in der gesamten Gesellschaft. Für uns ist es natürlich ganz besonders schlimm, weil nach unserem katholischen Glauben der Geistliche ein Repräsentant des Willens Gottes ist. Oder biblisch gesagt: Der gute Hirte, der nicht selbst zum Wolf werden darf für die Schafe, die ihm von Gott zur Seelsorge anvertraut sind. Die Kirche hat einen besonderen Auftrag von Jesus Christus, auf den sie sich gründet. Das ist die Verkündigung der Frohen Botschaft Gottes an uns Menschen. Das ist auch vom jüdischen Glauben aus mit zu vollziehen, weil wir über weite Strecken gemeinsame Quellen haben, gerade was das Verständnis der Wirklichkeit Gottes, aber auch seiner Präsenz in der Welt für sein Volk, wie auch für alle Menschen angeht.
Jetzt kommt es darauf an, uns selbst klar zu machen, dass das auch in unseren eigenen Reihen möglich ist und wir alles tun, um so etwas in Zukunft zu vermeiden. Wo Menschen sind, gibt es auch solche krankhaften Entgleisungen. Für unsere eigenen Gläubigen müssen wir deutlich machen, dass wir uns alle noch auf dem Weg zur Vollkommenheit befinden, es auch in unseren eigenen Reihen Sünden und Fehler gibt und wir Gott um Verzeihung bitten müssen. In Psalm 51 heißt es: «Vor dir allein habe ich gesündigt.» In den Bußpsalmen, die auch das christliche Gebet wesentlich mittragen, wird das Sündigsein vor Gott angesprochen. Ihn müssen wir um Vergebung bitten. Die Fehler sind also nicht in der Struktur der Kirche angelegt, sondern in der Fehlbarkeit des einzelnen Menschen, natürlich auch der Amtsträger.
Papst Benedikt XVI. hat sich sowohl mit seiner Entscheidung, auf die Piusbrüder zuzugehen, als auch mit der Wiederzulassung der tridentinischen Messe, konkret der als judenfeindlich wahrgenommenen Karfreitagsfürbitte, viel Unverständnis auf jüdischer Seite eingehandelt. Welche Intention sehen sie hinter diesen Schritten des Papstes?
Bei der Piusbruderschaft handelt es sich um eine Gruppierung, die sich von der katholischen Kirche abgespalten hat und der Meinung ist, die wahre katholische Kirche zu sein. Es soll nun versucht werden, diesen Leuten eine Brücke zu bauen; nicht aber in dem Sinn, dass sie ihre Positionen in die Kirche hineinbringen. Vielmehr soll ihnen die Position der Kirche klargemacht werden. Ziel ist die volle Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Hierin besteht für diese Gruppierung der Stein des Anstoßes.
Ein besonderer Fall ist die Liturgie, wie sie bis 1962 allgemein in der westlichen Kirche gefeiert wurde. Allerdings kann man gerade im Hinblick auf die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, die das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum auf religiöser Ebene betrifft, nicht vor 1962 zurück. Das Judentum ist für uns natürlich wegen der gemeinsamen Quellen und Wurzeln der religiöse Gesprächspartner schlechthin. Deshalb wurde in der erneuerten Karfreitagsliturgie eine Formulierung gewählt, in der einerseits für die Juden gebetet, andererseits aber alles Verletzende vermieden wird. Der Unterschied ist klar: Er besteht im Verhältnis zu Jesus als dem Christus, der der Messias ist. Das ist der unterscheidende Punkt. Wir Christen sind der Überzeugung, dass Gott seinen Heilswillen durch Jesus Christus verwirklicht hat. Deshalb beten wir natürlich auch durch Christus. Wir beten aber nicht einfach, dass jetzt die Juden Christen werden. Das kann jeder einzelne Mensch nur aus freien Stücken und aus eigener Überzeugung heraus entscheiden. Sicherlich wurde das etwas missverstanden. Niemals ging es um ein Zugeständnis an eine judenfeindliche Gruppierung. Ich glaube, es hat sich auch im Nachhinein gezeigt, dass es nicht darum geht, solchen Gruppierungen entgegenzukommen oder ein Heimatrecht in der Kirche zu geben. Vielmehr ging es darum, diese Gruppierung von ihren falschen Anschauungen abzubringen und sie so in die katholische Kirche wieder voll aufzunehmen: freilich in die katholische Kirche, wie sie im Jahr 2010 ist und nicht - wie das teilweise dargestellt wurde - wie sie im Jahre 1962, also vor der Liturgiereform, gewesen war.
Ungeachtet ihrer Intention hat die Diskussion um die Karfreitagsfürbitte den jüdisch-katholischen Dialog nachhaltig gestört. Da ist die Rede von einer «Geringschätzung des Judentums» oder von einer «christlicher Überheblichkeit», die da zum Ausdruck komme. Wie beurteilen sie diese neue Form? Bringen Sie diese im Gottesdienst zum Einsatz?
Es handelt sich nicht um eine neue Form, sondern nur um ein erneuertes Element innerhalb der außerordentlichen Liturgie, während die offizielle ordentliche Form der Liturgie diejenige ist, die aus der Reform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils hervorgegangen ist. Die neue Form, wie wir sie nun schon seit 40 Jahren haben, ist die allgemein verbreitete. Ich wüsste nicht, dass im Bistum Regensburg oder in Deutschland diese veränderte Karfreitagsfürbitte bezüglich der Juden innerhalb des alten Ritus je zum Einsatz gekommen wäre. Man wäre nicht einmal dazu verpflichtet, selbst wenn man die alte Form der Liturgien zelebrieren würde, diese einzelne Fürbitte anzubringen.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann sagen Sie, dass es sich um eine innerkatholische Diskussion handelt?
Ja. Sie wurde von der Gesamtbedeutung her, gerade auch von jüdischer Seite, überschätzt. Es hat nichts mit einem Kurswechsel oder einer Infragestellung des bis heute gewachsenen guten Verhältnisses zwischen Christen und Juden zu tun. Natürlich nicht nur in Deutschland, sondern auch auf weltweiter Beziehungsebene. Letzteres zu beachten, ist wichtig, da wir traditionell «Global Players» sind - sowohl im Judentum wie auch im Christentum. Man darf das nicht nur aus einer deutschen Perspektive heraus betrachten.
Die Sorge, die hier auf jüdischer Seite zum Ausdruck kam, ist immer die Angst vor Missionierung. Historisch ist das begründet, auch was kirchlichen Antijudaismus oder Antisemitismus angeht. Wie ist das heute? Wie stehen Sie zum Thema Mission im Allgemeinen? Kann die Kirche bei Juden eine Ausnahme machen? Es ist ja doch im Sinne der Kirche zu missionieren, den christlichen Glauben nach außen zu tragen.
Das Wort «Missionierung» ist wegen seiner geschichtlichen Belastung für viele ein Reizwort. Man sollte jedoch zuerst fragen: Was bedeutet «Mission» eigentlich? «Mission» heißt «Sendung». Die Apostel haben von Christus diese Sendung empfangen. Er hat sie gesendet und zu Aposteln gemacht. Auch in der hebräischen Bibel, also im christlichen Alten Testament, werden Propheten gesandt, das Wort Gottes zu verkünden. Daran wird angeknüpft, wenn die Apostel gleichsam prophetisch - nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Gottes - das Evangelium verkünden. Das Evangelium Christi kann auf Seiten des Hörers immer nur die freie Zustimmung oder auch Ablehnung zur Folge haben, so dass man dadurch eben Christ oder Nichtchrist ist. Das Verhältnis von Christen und Juden ist nun ein ganz spezifisches. Zunächst ist die Rede davon, dass die Apostel zu den «Schafen des Hauses Israels» gesandt werden. Sie entstammten selbst dem jüdischen Volk. Im katholischen Bereich verwenden wir den Begriff «Judenmission» eigentlich nicht.
Wie würden Sie das jüdisch-christliche Verhältnis gegenwärtig beschreiben?
Ich glaube, insgesamt ist das Verhältnis sehr positiv und so freundschaftlich wie noch nie seit 2000 Jahren. Gerade in Deutschland müssen wir uns immer auch der furchtbaren Thematik des Holocaust stellen. Es ist und bleibt unfassbar, dass von staatlicher Seite aus versucht wurde, ein ganzes Volk auszurotten; allein aufgrund seiner Existenz, nicht wegen irgendwelcher Schuld oder politischer Interessen, sondern geboren aus der wahnsinnigen Obsession Hitlers, der freilich auch seine Helfer leicht gefunden hatte.
Wie haben Sie das gemeint, als Sie geäußert haben, dass die «Hassausbrüche» seitens des Zentralrats der Juden in Deutschland nicht hilfreich seien, um das christlich-jüdische Verhältnis zu verbessern?
Den Medien hatte ich entnommen, dass der Generalsekretär des Zentralrats Äußerungen über den Papst und über die Kirche von sich gegeben habe, die letztlich nicht weiterführen. Jedenfalls handelte es sich um irrationale Äußerungen, die von uns als sehr verletzend empfunden werden müssen. Das ist nicht unsere Art. Wenn wir uns übereine Sache ärgern, die wir den Medien entnehmen, dann müssen wir das immer zuerst prüfen. Das ist besser, als mit wechselseitigen Verletzungen zu arbeiten. Oftmals handelt es sich nur um Unterstellungen. Ich glaube, über diese Zeiten sind wir längst hinweg. Man kann eigentlich nur immer mit gutem Glauben und Vertrauensvorschuss voneinander, und besser noch miteinander reden. Wahrscheinlich bezog sich die Empörung darauf, dass gesagt wurde: Mit Williamson wird irgendwie versucht, so eine Art Antisemitismus hoffähig zu machen. Ich glaube, da habe ich mich auch als erster ganz klar zu Williamson geäußert. Papst Benedikt hat weder direkt noch indirekt etwas mit Antisemitismus zu tun. Ganz im Gegenteil! Die Sache mit Williamson ist tatsächlich unglücklich gelaufen. Aber wer weiß, wie das alles zustande gekommen ist? Klar ist jedoch: Die Aufhebung der Exkommunikation hat jedoch nichts mit Williamsons Haltung zum Judentum zu tun. Sie bezog sich lediglich auf dessen unerlaubtes Handeln als Bischof. Wenn einer etwas gestohlen, er seine Strafe abgebüßt hat und entlassen wird, ist das noch lange keine staatliche Gutheißung seiner sonstigen politischen Ansichten. Meines Erachtens sind Äußerungen und Verhaltensweisen mit derart beleidigendem und menschenverachtendem Hintergrund, wie sie Williamson getan hat, eines geistlichen Menschen völlig unwürdig.
Immer wieder fallen Kirchenvertreter durch unglücklich gewählte Vergleiche der politischen Situation im Nahen Osten mit dem Holocaust auf. Wie blicken Sie auf das Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn?
Das Verhältnis des Staates Israel zu seinen Nachbarn, aber auch die Umstände innerhalb der israelischen Staatsgrenzen sind natürlich von ganz anderer Art, so dass solche Vergleiche deplaziert sind und nicht weiterhelfen. In Israel gibt es keinen systematischen Vorsatz, ein Volk um seine Existenz zu bringen. Ich glaube, am Existenzrecht Israels als Staat zweifelt niemand, zumindest niemand in unseren Reihen. Wir sehen es aber mit Sorge, dass der Friede gerade im Heiligen Land auf längere Zeit nicht möglich zu sein scheint. Natürlich könnte man fragen: Mit welchen Mitteln streben der israelische Staat, aber auch die palästinensische Führung eine Verständigung mit der jeweils anderen Seite an? Zu einer friedlichen Koexistenz gibt es doch keine Alternative. Ich meine aber auch, dass wir uns als Deutsche eher zurückhalten sollten. Die meisten tun das auch. Vor dem Hintergrund der Geschichte Deutschlands gegenüber dem Judentum sind wir keine idealen Ratgeber. Ich bete aber sehr viel dafür, dass die Herzen der Menschen so gelenkt werden, dass eines Tages im Heiligen Land ein friedliches Leben und Miteinander gelingen kann. Das beiderseitige Existenzrecht ist dabei die Grundlage für ein solches Zusammenleben. Auch wenn der Vergleich hinkt: Wer hätte gedacht, dass zwischen Deutschland und Frankreich einmal ein so gutes, partnerschaftliches und freundliches Verhältnis entsteht, wie es heute herrscht.
Wie stellen Sie sich das christlich-jüdische Verhältnis vor und wie gestalten sie das konkret hier vor Ort in Regensburg?
Unser Verhältnis zur Jüdischen Gemeinde hier in Regensburg ist sehr gut. Derem langjährigen Vorsitzenden Hans Rosengold fühle ich mich persönlich besonders herzlich verbunden. An einigen Festtagen besuche ich die Synagoge. Wir haben auch verschiedene Schriften zur jüdischen Geschichte finanziell unterstützt. Beim Besuch des Papstes in Regensburg hat die Jüdische Gemeinde ihre Räumlichkeiten für die unmittelbaren Begleiter des Papstes geöffnet. Auch wurde den Helfern dort Essen ausgeteilt und eine Möglichkeit zum Nächtigen geboten. Es gibt viele konkrete Begegnungen. Wir haben auch gemeinsame Gedenktage: So haben wir erst kürzlich in einer gemeinsamen Prozession des Regensburger Dompredigers Johann Maier gedacht, der in den letzten Kriegstagen von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Außerdem haben wir, als die NPD hier vor ein paar Jahren so provokativ aufgetreten ist, gemeinsam dagegen protestiert. Ich konnte eine religiöse Demonstration anführen, an der auch Vertreter der jüdischen Gemeinden und evangelische Christen beteiligt waren. Zusammen waren wir mehrere tausend Leute. Von der NPD oder aus deren Umkreis bekamen wir dann übelste Post mit schlimmen Drohungen und Rücktrittsforderungen an meine Person. Das zeigt, welches Geistes Kind solche Leute sind. Ich bin überzeugt, dass hier in Regensburg, aber auch in den anderen Gemeinden des Bistums ein sehr gutes Verhältnis zur Jüdischen Gemeinde besteht. Von einem guten Verhältnis zu reden, ist vielleicht sogar zu wenig. Wir bezeichnen uns im Glauben als Brüder und Schwestern, trotz der Unterschiede in wichtigen religiösen Grundfragen. Trotzdem sind wir als Brüder und Schwestern von einem Gott und Vater herkommend und geschaffen. Darum verbindet uns ein freundschaftliches Verhältnis. Ich glaube, wir haben heute das beste Verhältnis seit den Zeiten des dritten und vierten Jahrhunderts, also seit Beginn der christlichen Gemeinde hier in der Castra Regina, der alten Römerstadt Regensburg.
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