Eine zeitlang waren sie populär, die Geschichten vom Feind im eigenen Haus und Curtis Hanson steuerte anno 1992 „Die Hand der Wiege“ dazu bei.
Claire Bartel (Annabella Sciorra) hat ein Bilderbuchleben im Traumhaus, mitsamt Ehemann Michael (Matt McCoy) und Tochter Emma (Madeline Zima). Sie ist im dritten Monat schwanger und sucht einen neuen Frauenarzt auf: Victor Mott (John de Lancie). Dieser jedoch betatscht sie bei der Untersuchung, was sie zur Anzeige bringt. Als weitere Frauen mit ähnlichen Anschuldigungen rausrücken, begeht der Doc Selbstmord. „Die Hand an der Wiege“ spielt der Angst des Ausgeliefertseins, gerade gegenüber einer Person, der man sich anvertraut – und das kann, muss aber nicht der Arzt sein.
Dessen Frau (Rebecca De Mornay) hat infolge des Ganzen eine Fehlgeburt, da sie – genau wie Claire – zur Zeit des Vorfalls schwanger ist. Hanson montiert hierbei Szenen aus Claires idyllischem Familienleben mit Szenen von der Tragödie. Die beiden Frauen sind sich also näher und ähnlicher, als man annehmen möchte. Später will die Beinahe-Mutter ja auch Claire Platz in der Familie einnehmen und die ursprüngliche Inhaberin der Mutterrolle herausdrängen. Oder besser gesagt: Töten.
Dazu schleicht sie sich unter dem Namen Peyton Flanders ins Haus der Bartels ein, indem sie sich sechs Monate später für den Job des Kindermädchens bewirbt. Mit allen Mitteln versucht sie nun Rache an Claire zu nehmen...
Männliche Rache im Film manifestiert sich häufig in derben Gewaltakten, weibliche Rache wird oft subtiler dargestellt und tatsächlich sind Peytons Attacken gegen das Familienglück Meisterstücke der Intrige. Jede Konkurrenz, egal ob es der geistig etwas behinderte Haushaltshelfer oder eine Freundin der Familie ist, wird ausgebootet, wahlweise durch ein In-Verruf-Bringen oder einen inszenierten Unfall. Dabei wird Peyton meist nicht aktiv aggressiv, stattdessen stellt sie Fallen und inszeniert Situationen, die Claire stressen, an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln lassen oder gar in Lebensgefahr bringen.
„Die Hand an der Wiege“ gibt sich dabei äußerst ruhig und langsam, so wie viele artverwandte Genrevertreter. Peyton beherrscht die ruhige Fassade und nistet sich wie ein Kuckucksei immer mehr im heimischen Nest der Bartels ein. Nach und nach zieht sie Emma auf ihre Seite, strengt sich an Michael zu verführen und hält dabei stets den Anschein des besorgten Kindermädchens aufrecht. Handgreiflich wird sie bestenfalls einem Schüler gegenüber, aber der kann sie kaum verpetzen. Hanson inszeniert das Ganze als stetiges Intrigenspiel, als wachsende Bedrohung, deren Suspense vor allem darin besteht, dass der Zuschauer einen großen Wissensvorsprung gegenüber den Bartels hat.
Etwas problematisch wird es dann allerdings, wenn es um das Auflösen der Geschichte geht. Recht abrupt kommt die Erkenntnis bei den Bartels, wobei Freund Zufall deutlich seine Finger im Spiel hat – gerade das Detail mit dem Windspiel als entscheidender Faktor ist schon leicht unglaubwürdig. Zudem erweist sich der Showdown als konventionelles Hauen und Stechen, in dessen Verlauf kurzerhand alles verloren scheint, doch dann schlägt man zurück, die Böse endet auf dem weißen Lattenzaun und das Happy End ist da. Immerhin kann man die Sache mit dem Zaun noch ironisch sehen, immerhin endet Peyton auf dem Symbol der Biederkeit und anfangs fragt der Haushaltshelfer noch, ob der Zaun da sei, um Leute drin oder draußen zu halten – nur damit die Bartels sich den Feind unwissentlich selbst ins Haus und damit hinter den Zaun holen.
Wirklich sehr gelungen ist die Darbietung Rebecca De Mornays, welche es schafft all die psychischen Probleme Peytons darzustellen, obwohl diese meist unter der Oberfläche verborgen sind – nur gelegentlich rastet sie aus, und dann meist heimlich, z.B. auf der Toilette. Annabella Sciorra als ihr Gegenpart kommt ähnlich gut weg, wird als gleichzeitig schwache (Asthma, Opferposition) wie starke Frau (Durchhaltevermögen, der Mut gegen den Arzt auszusagen) dargestellt. Neben den Frauen sind die Männer hier meist hilflos, gerade Matt McCoy als Ehemann kann meist nur lächeln und nix verstehen. Ernie Hudson hingegen spielt den geistig Beeinträchtigten mit dem Herz am rechten Fleck, welcher der geschickten Intrigantin aber auch nicht wirklich gewachsen ist – am Ende geht es Frau gegen Frau. Darstellerisch ist Hudson aber toll, zumal er ja sonst eher auf Tough Guys abboniert ist.
Curtis Hansons Beitrag zum Genre der Unterwanderung des Eigenheims ist ruhig, aber ausgesprochen spannend geraten, hat aber wie fast jeder Vertreter des Genres damit zu kämpfen das Ganze zu einem vernünftigen Abschluss zu bringen. Neben „The Stepfather“ und „Eine verhängnisvolle Affäre“ aber wohl trotzdem einer der besten Thriller dieser Bauart, trotz seiner Schwächen im letzten Drittel.