Jeder kennt New York. Jeder kennt Miami. Zwei der berühmtesten Städte der Welt - beide an der Ostküste der USA. Doch welche Sehenswürdigkeiten liegen eigentlich und nochmal in den 1277 Meilen dazwischen? Richtig, da ist Philadelphia. Und irgendwo daneben liegt Washington. Baltimore hätten wir jetzt beinahe übersehen. Das war es nun aber wirklich.
Nein, wirklich nicht. Hat man nämlich die nötige Zeit und Lust, von den USA mehr zu erleben als die bekanntesten Tourist-Hotspots, dann fährt man die Interstate 95 in Florida entlang der Küste nach Norden. Bis man die Grenze zum Pfirsich-Staat Georgia überquert, der Heimat von Martin Luther King und „The Walking Dead". Und wenn man dann noch, entgegen des Stroms, am Meer bleibt und das Landesinnere mit der Coca-Cola Hauptstadt (Atlanta) meidet, dann gibt es ein Städtchen zu entdecken, das sich so gar nicht amerikanisch gebärdet, dessen Wesen sich aber bei genauerem Hinsehen als geradezu neurotisch uramerikanisch entpuppt. Die Rede ist von Savannah. Dem entzückenden Kleinod tief im Süden der Vereinigten Staaten. Doch, halt, Moment. Einen Augenblick. So bezaubernd ist es nun auch wieder nicht. Jedenfalls nicht in Clint Eastwoods wenig bekannter Romanverfilmung von 1997.
John Berendts „Midnight in the Garden of Good and Evil" erschien 1994, drei Jahre vor seiner Verfilmung. Es ist, je nach Sichtweise, angelegt als Hymne auf oder Abrechnung mit Savannah. Und seinen (Ur-)Einwohnern. Berendt legte bei Erscheinen seiner literarischen Ortsbegehung viel Wert darauf, dass sie autobiographische Züge trüge. Die Hauptfigur als roter Faden durch die Handlung ist nämlich sein fiktionales Selbst, das just zu jener Zeit als Kolumnist einer New Yorker Gazette in Savannah arbeitete, als ein wohlsituierter, respektierter Bonvivant in seinen eigenen vier Wänden einen stadtbekannten jungen Homosexuellen erschoss. Seinen Bettgefährten.
Nun ist Savannah eben nicht San Francisco. Einen Randalierer zu erschießen, wird zwar auch in den waffenstarrenden Vereinigten Staaten wenig gern gesehen, die homosexuelle Beziehung eines angesehenen Bürgers mit einem bisexuellen Tunichtgut im ländlich geprägten Süden aber womöglich noch weniger. Erst recht um das Jahr 1980. Doch lässt sich der 386 Seiten umfassende, leicht zu lesende Roman - im Gegensatz zum Film - zunächst viel Zeit damit, den jungen Mann sterben zu lassen und widmet die erste Hälfte seiner Geschichte dem Alltag, den Marotten und Schrullen, den Vorlieben und Begehrlichkeiten der Menschen am Ort. Und deren peinlich in Stand gehaltener Fassade! Man bastelt unentwegt an seinem gesellschaftlichen Ansehen, feiert seit Generationen die gleichen Feste und pflegt - nicht selten ebenso lang - nachbarschaftliche Loyalitäten wie Feindschaften. Es ist schade und beinahe ein wenig Verschwendung, dass Eastwoods Film dieses scharfblickend gezeichnete Porträt der lokalen Upper-Class nur grob konturiert, zu oberflächlich wiedergibt und damit eigentlich nur anreißt. Dabei gäbe es hier viel zu entdecken.
Savannah ist ein Unikat. Von der französischen Le Monde zur „schönsten Stadt Amerikas" erkoren, bietet die für amerikanische Verhältnisse uralte Metropole die traumhafte Kulisse einer eigentlich längst vergangenen Zeit. Savannah wurde 1733 gegründet, überstand im Gegensatz zum benachbarten Charleston den für den Süden so desaströsen Bürgerkrieg unbeschadet (dank der Freundschaft eines Einwohners mit dem sonst alles in Schutt und Asche legenden General Sherman) und prahlt heute zu Recht mit der schönsten quasi-viktorianischen Altstadt der Neuen Welt. Das geordnete Stadtbild wird immer wieder von kleinen Plätzen und malerischen Parks gesprenkelt, an denen man dem dort gesprochenen, eigenartigen Dialekt der auffallend unaufgeregten Städter lauschen kann. Es ist dieses Flair des sich vom Rest der Nation abschottenden Savannahs und des dort spürbar einnehmenden Lokalpatriotismus, das wie eine anregende Dokumentation oder ein teurer Reiseführer den Leser des Romans lockt - dem Filmfreund aber von Eastwood, bis auf ein paar hübschen Einstellungen auf die Architektur der Stadt, vorenthalten bleibt.
Eastwood, der den Film inszenierte und produzierte, legt seinen Fokus auf den Fall des erschossenen Jungen (Jude Law) und den anschließenden Prozess. Dabei streift er neben dem Lokalkolorit die Themen Homophobie und Vetternwirtschaft, vermag hier aber keine nennenswerten Akzente zu setzen. Es ist zwar nicht uninteressant, den von ihm erzählten Rechtsstreit zu verfolgen, doch haben wir das und Ähnliches schon viel sorgfältiger und eindringlicher bei den „Zwölf Geschworenen" (1957) oder der „Frage der Ehre" (1992) gesehen. Seine Figuren, allen voran der zwielichtige Schütze (Kevin Spacey), haben ihren gewissen Reiz, der „Midnight in the Garden of Good and Evil" zu lohnenswerter Unterhaltung macht, doch erfährt vor allem der rote Faden im Film (John Cusack) keine erzählerische Tiefe. Der New Yorker ist als Alien und Yankee ohnehin unparteiisch außen vor und dient nur kurz als moralische Instanz - die dennoch nicht interpelliert, sondern irgendwie und einfach nur dem Ganzen beiwohnt. Was jedoch im Roman ein gelungener Kniff ist, sozusagen einen nüchternen Blick auf das gesellschaftliche Stratum werfen zu können, wirkt im Film unmethodisch und wenig zielführend. Kein Regisseur kann sich eine - bei näherer Betrachtung - redundante Hauptfigur leisten. Auch kein Clint Eastwood.
Einen sonderbaren Mehrwert bietet eine echte Tochter Savannahs, die hier Filmgeschichte schrieb und eigentlich ein Sohn der Stadt ist. Die bekannte Drag-Queen Lady Chablis fand bereits schon Eingang in den Roman Berendts und wird von Clint Eastwood zum ersten Mal überhaupt als Transsexuelle einem breiteren Publikum vorgestellt. Als noch dazu schwarzer Transvestit setzt sie den Kontrapunkt zur weißen Oberschicht. Schrill, laut und authentisch. Dabei begeht der Mann am Drücker nicht den Fehler, plump die Moralkeule zu schwingen, sondern gewährt der im Vergleich zum Establishment in ihren Umgangsformen einfach gestrickten Dame und damit der städtischen Unterschicht die gebührende Redezeit. Es ist ihre, je nach Sichtweise, sympathische oder aufdringliche Ehrlichkeit, die das Maskenspiel der Stadtoberen als solches entlarvt. Denn durch Reichtum ändern sich weder sexuelle Orientierung, noch das im Menschen angelegte Verlangen nach dem, was man nicht hat. So wird mit der Geldbörse zwar der geltende Regelkatalog dicker, die Suche nach Anerkennung aber nicht weniger. Doch was wäre die Oberschicht überhaupt ohne die Unterschicht? Rousseau hin, Murx her. Jedenfalls keine Oberschicht.
Einen nur scheinbaren Mehrwert hingegen liefert die mit Voodoo hantierende Totenbeschwörer- und Zauberin der Geschichte, die den Namen der römischen Göttin Minerva trägt. Im Buch manifestiert sich an ihr einmal mehr der mitunter ins Abergläubische abdriftende Drang zur Tradition. Bei Eastwood ist sie nur eine kauzige Alte, ein Vorbote Halloweens, der dann jedoch den Schluss des Films zu einem typischen Hollywood-Filmende verschlimmbessert. Die Abweichung von der Vorlage ausgangs wirkt im Resultat vorhersehbar und einfallslos. Und damit für einen Regisseur des Formats von Eastwood ungewohnt gewöhnlich.
Wie macht man Werbung für eine Stadt, ohne dabei als einfallsloser Spot der Sorte „Come to Egypt" daherzukommen? Michael Mann hat das mit seinem geliebten Los Angeles eigentlich ganz gut vor Augen geführt. Man garniert seine Geschichte mit visuellem Augenschmaus - ohne die Geschichte selbst aus den Augen zu verlieren. Leider hat Clint Eastwood vor inzwischen zwanzig Jahren die dafür notwendige Balance nicht gefunden. Denn weder setzt er die Schönheit der Stadt würdig in Szene, noch vermag er es, einen fesselnden Thriller aufzuführen. So bleibt seine Filmadaption des Romans „Midnight in the Garden of Good and Evil" ein netter Spaziergang durch eine den meisten, und übrigens auch den meisten Amerikanern unbekannte Stadt. Doch unternimmt man den immerhin an der Seite des wohl ausnahmslos toll aufspielenden Kevin Spacey. Es gäbe langweiligere Gesellschaft. Wer allerdings soziopolitisch unterwegs ist oder sich tiefere Einblicke in das Herz des Southern Gothic erhofft, der wird womöglich enttäuscht und greift besser zum Roman. Aber wenigstens weiß man nun, dass Savannah nicht nur eine ehemalige Erotikdarstellerin mit Hang zu Rockstars war, sondern eine Stadt im Süden der USA, die die letzten 150 Jahre im Dornröschenschlaf lag. Und doch sind auch dort die Mechanismen der nationalen Psychologie alles bestimmend. Nur urtümlicher, konservierter, unverfälschter.