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Review

Es ist schon unglaublich, was im Film alles möglich ist. Das Gefühl, überwältigt zu werden, ist relativ zu der Masse an Hollywood-Neuerscheinungen eher selten. "L.A. Confidential" schafft es - nicht mit einem Schlag, aber doch mit zunehmender Dauer. Und je öfter man ihn sieht, desto besser wird er.

Curtis Hanson entführt uns ins Los Angeles der Fünfziger. Aber er versetzt uns nicht nur in eine andere Zeit, vor allem geleitet er uns hinter die Kulissen einer brüchigen Fassade, die sich L.A. Police nennt. Wir haben es nämlich hier mit einer Gesellschaft zu tun, die ihre Bürger durch euphorisch-heroische Nachrichten über die guten Taten der Polizei in Sicherheit wiegt. Denn alles, was die Bürger von L.A. erfahren, das erfahren sie aus den (manipulierten) Medien: die sensationslüsternen Reportagen des Hush-Hush-Magazine, in denen über das Aufdecken von Skandalen durch zu Helden aufgeschaukelten Polizeimitgliedern berichtet wird; die auf Hochglanz polierten TV-Serien, in denen ein Strahlemann von einem Cop in James Bond-Manier ein Abenteuer nach dem anderen unbeschadet übersteht; die öffentlichen Medaillenverleihungen von der Polizei für die Polizei.

Dem Zuschauer jedoch wird die Möglichkeit gewährt, das Medienspiel zu durchschauen. Ziel des Films ist es folglich, die Wahrheit aufzudecken und den Schmutz an der Weste eines jeden Beteiligten ganz genau unter die Lupe zu nehmen.

Dazu sind in erster Linie viele starke, klischeefreie Charaktere erforderlich sowie ein Handlungs- und Beziehungsnetz, mit dem alle verbunden sind. Und es ist sagenhaft, welch brillante Arbeit Hanson und seine Schauspieler hier leisten. Es wird nicht nur ein ganzes Staraufgebot aufgefahren. Nein, jeder schafft eine unvergessliche Figur, ein Unikat. Russell Crowe IST Bud White, ein störrischer Eigenbrötler, der stur seinen Weg geht und auch mal Beweise fälscht, um an die Wahrheit zu gelangen. Gleichzeitig ist er der Benutzte, angefangen bei seiner tragischen Kindheit bis hin zu seinem Job als Polizist und als Liebhaber der Edelprostituierten Lynn Bracken. Diese wird gespielt von Kim Basinger, die für ihre Rolle verdientermaßen den Oscar bekam. In ihrem unberechenbaren Wesen ist sie die Variable X des Films, eine Femme Fatale, der zu vertrauen eine gefährliche Angelegenheit sein kann. Dann hätten wir da noch Jack Vincennes (Kevin Spacey), der unter dem Strich gute Absichten hat, sich für seinen Erfolg aber auch mit dem Abschaum der Gesellschaft abgibt. Zu diesem gehört auch der schmierige Herausgeber des Sensationsblättchens "Hush-Hush" (Danny DeVito), der wirklich alles für eine Story tut, ganz gleich, ob sie wahr ist oder nicht - mit Hilfe von Vincennes wird sie sogar zurechtgebogen. Nicht zu vergessen Ed Exley (Guy Pearce), ein junger, pflichtbewusster Cop auf dem aufsteigenden Ast, ein Unbestechlicher. Er erfährt neben Bud White wohl die größte Wendung, was auch daran liegt, dass sich seine geradlinige Art nicht mit der Biegsamkeit des korrupten Polizeiapparates verträgt.

Diese Vorstellung der Charaktere mag schon etwas zu lang geraten sein. Dennoch decken sie erstens nur einen Bruchteil der Essenz der Figuren und zweitens sind das noch lange nicht alle, die von Bedeutung sind. Was ich deutlich machen will, ist die Tatsache, dass Hanson hier selbst vergleichsweise nebensächliche Antagonisten besser und ausgefeilter portraitiert als so mancher Protagonist in anderen Filmen ausgearbeitet wird. Und das ist ein Aspekt, der die Authenzität fördert und jegliches Potential für Klischees bereits im Vorfeld ausmerzt. Nun mag dadurch die Gefahr der Unübersichtlichkeit entstehen, zumal man noch sämtliche Handlungsstränge berücksichtigen muss, mit denen die Figuren kreuz und quer verbunden werden. Doch genau hier erweist sich Hanson als wahrer Meister seines Faches. Der Storyverlauf ist komplex und wird im weiteren Verlauf gar noch komplexer, bleibt dabei aber stets übersichtlich. Dies ist auch der Grund, weshalb "L.A. Confidential" mit jedem Mal besser wird: Es offenbaren sich immer wieder neue Details, die vorher gar nicht aufgefallen sind und das Konstrukt aus Lügen und Intrigen zu einem nahezu perfekten Gesamtbild vervollständigen.

Handlungsbereiche kennt der Film viele. Dreh- und Angelpunkt ist das "Nite Owl Massaker", doch schon vorher werden einige wichtige Handlungsstränge verarbeitet, die einerseits der wichtigen Aufgabe der Charaktereinführung unterstehen, andererseits Kontakte knüpfen, die im späteren Verlauf noch von Bedeutung sein sollen. Das gilt gerade für Bud White. Speziell die Szene vor und in der Bar, als White einen Karton Alkohol abholt und zuerst Lynn Bracken trifft und anschließend den zwielichtigen Ex-Cop "Buzz" und eine rothaarige Frau mit Bandagen im Gesicht, wird die folgenden Ereignisse entscheidend ins Rollen bringen.

Aber noch vor dieser Szene leitet der Film erst einmal mit dem Off-Kommentar des "Hush-Hush"-Reporters (DeVito) und unterlegten Bildern mit Postkarten-Qualität ein. Die anfangs angesprochene Schönzeichnung wird hier vorgestellt, wobei DeVito durch seinen Monolog zum Zuschauer beinahe wie zu einem Eingeweihten redet. Den reinen Fakten nach zu urteilen könnte das natürlich auch ein Werbevortrag für die schöne Stadt L.A. sein, aber der ironische Unterton verrät den Redner und lässt die Abgründe erahnen. Nie kommt der Zuschauer also in die Situation, selbst nicht mehr zwischen unverblümter und beschönigter Realität unterscheiden zu können. Überhaupt lässt Curtis Hanson die "Scheinwelt L.A." stets im Hintergrund agieren, damit sich da keine Zweifelsfälle auftun. So findet das Gespräch zwischen Vincennes und dem aufgetakelten Fernsehcop in der Totalen statt, ebenso wurde die Party samt der beteiligten Hauptpersonen in den Hintergrund verbannt. Im Vordergrund dagegen sieht man Vincennes mit seinem "alten Freund" vom Hush-Hush-Magazine, schwer beschäftigt damit, einen Jüngling mit Schauspielambitionen dazu zu überreden, einen Mann in einer hohen Position zu einem Techtelmechtel zu verleiten. Und an Weihnachten sieht man etwa keine Bilder von Polizisten als Familienvätern, sondern von Polizisten, die in der Zelle Verdächtige verprügeln.

Mit der Einführung des Nite Owl-Massakers sind bereits alle Charaktere vorgestellt und alle Bedingungen klar. Jetzt werden die Handlungsstränge wichtig; umso stärker treten sie in den Vordergrund. Ausgerechnet der unbeliebte Ed Exley, der sich durch den unloyalen Verrat an Bud Whites Kumpel bereits zur Hassfigur gemacht hat, nimmt zusammen mit seinem Boss die Ermittlungen an dem Fall auf, während White auf eigene Faust ermittelt und mit Lynn eine heiße Spur hat. Langsam stellt sich das Verhältnis zwischen White und Exley als zentral heraus, wobei die anderen Charaktere immer wieder klug eingestreut werden und kein einziger Handlungsstrang auf der Strecke bleibt. Die Ermittlungen führen zu falschen Verdächtigen, die zu Sündenböcken werden, zu neu aufgenommenen Vermittlungen, zu eiskalter Berechnung. Immer deutlicher wird mit der Zeit, wer der König auf dem Schachfeld ist und wer die Stränge in der Hand hält. Schließlich nimmt das Geschehen eine Wende, die man so nicht vorhersehen konnte. Brüche mit der Logik erlaubt sich Hanson dabei eigentlich überhaupt keine, jedenfalls sind mir keine aufgefallen. Bezüglich der Charakterzeichnung und der Story kann man da wirklich fast schon von Perfektion sprechen.

Ebenso perfekt ist die Atmosphäre, die diverse Stilmittel in sich vereint. Ein bisschen Glamour, ein bisschen Film Noir. Ganz deutlich kristallisiert sich ausserdem die Handschrift von Autor James Ellroy heraus. Die Musik bleibt über weite Strecken sehr dezent, um in den wichtigen Szenen besonders intensiv herauszustechen.

Tja, wie sieht der perfekte Film aus? Wenn der perfekte Film auch ein unerreichbarer Idealtypus bleibt, ist "L.A. Confidential" doch nah dran. Curtis Hansons Krimi-Thriller ist ein Musterbeispiel an Charakterzeichnung und Storykonstruktion, darüber hinaus eine perfekte Nachzeichnung der 50er aus einer distanzierten Perspektive. Für den Cineasten ein seltener Leckerbissen, von dem er sehr lange hat.
10/10

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