Dieser Text kann Spoiler für diejenigen beinhalten, die sich noch nicht ausgiebig mit der TV-Serie beschäftigt haben, dies aber in Zukunft noch tun wollen. Alle anderen dürften die Ergebnisse sowieso von vorneherein angenommen haben.
Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Mutter aller Mystery-Serien ihren eigenen Kinofilm bekommen sollte. Nach fünf Staffeln war es soweit: Serienschöpfer Chris Carter und Frank Spotnitz lieferten das Drehbuch zu einem abendfüllenden Spielfilm, das ganz speziell auf die Fans ausgelegt war und ihnen einige der im Akte X-Universum so seltenen und begehrten Antworten zur Verschwörungsgeschichte versprach.
Regie führte Rob Bowman („Elektra“, „Die Herrschaft des Feuers“), der nicht nur Regieerfahrungen in massenweise älteren TV-Serien sammeln durfte, sondern auch bei „Akte X“ zu den Stammregisseuren gehörte. Dementsprechend ist es nur wenig überraschend, dass sich Bowman voll an Carters Vorgaben hielt und das Drehbuch so adaptierte, dass es konsequent die Serienfans ansprach.
Ich kann und will gar nicht beurteilen, inwiefern Nicht-Serien-Kenner auf ihre Kosten kommen. Das steht auch eigentlich gar nicht zur Debatte, denn dieses Publikum zu ignorieren, war ganz klar die richtige Entscheidung – auch wenn das verständlicherweise ein Punkt ist, der gerne kritisiert wurde. Aber mal ehrlich, thematisch musste sich der Plot ganz einfach um die Verschwörungstheorie drehen, und mit einer solchen kann der Nicht-Fan sowieso nichts anfangen. Warum also die Story massenkompatibel für jemanden abändern, der sich ohnehin nicht dafür interessiert?
„Akte X – Der Film“ fungiert nun als Bindeglied zwischen den Staffeln fünf und sechs und steht zwischen der Doppelepisode „Das Ende“ und „Der Anfang“. Die komplette fünfte Staffel hatte mit einem Glaubensumschwung des Fox Mulder (David Duchovny) zu kämpfen, der jahrelang an Außerirdische geglaubt hatte, nun aber annahm, dass die Regierung all dies absichtlich inszeniert hatte, um damit abzulenken und hinter dem Rücken der Bevölkerung mit militärischen Kampfstoffen zu experimentieren. Dieser radikale Glaubensumschwung basierte auf scheinbar unwiderlegbaren Beweisen: perfekte Nachbildungen von Alien-Leichen, Dokumente von höchster Geheimhaltungsstufe und mysteriöse Informanten. Derweil schien ausgerechnet Scully nach ihrem durch die Regierung verursachten Krebs zum Glauben gefunden zu haben und findet in ihrem Unterbewusstsein auch Bruchstücke, die auf Raumschiffentführungen hinweisen und sie mit Cassandra, der Mutter des neuen FBI-Agenten Spender, verbinden.
Die abschließende Episode „Das Ende“ wirft nun mit einem Schach-Wunderkind, das offenbar Gedanken lesen kann, die scheinbar sicher geglaubten Erkenntnisse wieder über den Haufen, denn irgendjemand will dieses Kind töten – und der Grund dafür kann nur die Vertuschung sein. Die Vertuschung eines Beweises, dass es eben doch außerirdische Substanzen gibt; wie hier bei dem Kind, das durch solche außerirdische Substanz auf „schlafende Gene“ Zugang hat, die zwar jeder Mensch besitzt, aber nur bei ihm aktiv sind. Die Episode schließt mit einem Star Wars-artigen Zugeständnis des kettenrauchenden Krebskandidaten an Agent Spender und schließlich mit einem brennenden Büro von Agent Mulder. Die X-Akten sind verbrannt, die langjährige Arbeit von Mulder und Scully zerstört.
Das Ende?
Hier beginnt Rob Bowmans Verfilmung. Diese gibt sich von Beginn an epischer als die TV-Serie, denn der Prolog gibt bereits einige Wahrheiten frei. Von vornherein steht nun definitiv fest: es gibt Außerirdische. Dies kann so eindeutig gesagt werden, weil der Prolog in der Eiszeit spielt und das Aufeinandertreffen von Höhlenmenschen und Außerirdischen dokumentiert, und zwar frei jeglicher Schachfiguren auf dem Feld des Mulder-Kreuzzuges, die das Gesehene verfälschen oder dementieren könnten.
Ein großzügiger Jump Cut befördert uns schließlich in die Gegenwart, wo ein kleiner Junge in eine Erdaushöhlung stürzt und sich dort mit dem aus der TV-Serie bekannten Schwarzen Öl infiziert, welches dem Vorspann zufolge das Blut der Außerirdischen ist.
Dann sehen wir erstmals unsere Titelhelden. Inzwischen zur Anti-Terror-Einheit versetzt, befinden sich Mulder und Scully auf dem Dach eines Hochhauses, um nach einer Bombe zu suchen. Allerdings auf dem Dach des mutmaßlich falschen Gebäudes, aber Mulder hat mal wieder seine Ahnungen und findet dann auch tatsächlich die Bombe. Agent Michaud (Terry O'Quinn, „Millennium“) soll sich um ihre Deaktivierung kümmern, doch das Vorhaben mißlingt: die Bombe explodiert und reißt den Agenten, zwei Feuerwehrmänner und ein kleines Kind in den Tod.
Fortan werden Sündenböcke gesucht und in Mulder, Scully und ihrem Vorgesetzten Skinner (Mitch Pileggi) gefunden. Mulder gibt sich damit jedoch nicht ab und schickt Scully illegalerweise zur Untersuchung der Bombenopfer. Und es stellt sich heraus, dass diese schon vorher tot waren – gestorben an einer Zellauflösung des kompletten Körpers. War die Bombenexplosion also nun beabsichtigt, um gewisse Fakten zu vertuschen?
Hier beginnt ein dichtes Verschwörungskonstrukt, das vorwiegend aus Dialogen und ominösen Treffen zwischen den einzelnen Schachfiguren besteht. Wir sehen das Treffen der ominösen Hintermänner um den Krebskandidaten, wo fortan die Handlungen beschlossen werden, wir sehen den betrunkenen Agent Mulder, wie er einer Barkeeperin seine komplette absurde Geschichte ausplaudert und schließlich draußen gegen ein Independence Day-Poster pinkelt, wir sehen den zwielichtigen Autoren Alvin Kurtzweil (Martin Landau), der sich möglicherweise als wichtiger Informant herausstellt, ja selbst die Einsamen Schützen (Dean Haglund, Bruce Harwood, Tom Braidwood), die Mulder mal wieder aus der Klemme helfen. Wenngleich die Wahrheit im eigentlichen Sinne schon von Beginn an offen dargelegt wurde, ergibt sich dennoch wieder das alte Spiel, das im Wesentlichen aus Irrlichtern und Verwirrungen besteht. „Trust No One“ ist der Leitsatz, der nach wie vor gilt.
Der angestrebte Status des Films als „Fragenbeantworter“ funktioniert durchaus, denn die Akteure werden in Gelegenheiten gezeigt, in denen man sie vorher nie zu Gesicht bekam. Die Dialoge wirken trotz der Verwirrungen aus Sicht Mulders viel klarer und bemühen sich, Lücken zu schließen, gleichzeitig aber auch wieder neue Fragen aufzuwerfen.
Der eigentliche Unterschied zur Serie jedoch besteht darin, endlich das Wesen der außerirdischen DNA zu offenbaren. Gab es in der TV-Serie stets nur Andeutungen und isolierte Ausschnitte, so werden die hier zu einem zusammenhängenden Zyklus verbunden. Einige Doppelfolgen befassten sich beispielsweise mit dem Schwarzen Öl, andere wiederum mit den Formwandlern, wieder andere mit Raumschifflandungen oder Alienobduzierungen. Nun werden all diese Elemente zur Freude der Fans ihrer Autarkie beraubt und beinahe im Stil der „Alien“-Reihe miteinander in einen kausalen Zusammenhang gesetzt, der viele Aha-Effekte beinhaltet, je weiter sich das Mosaik zusammensetzt. Ob nun das Schwarze Öl, die sich auflösenden Körper, die Aliens, die Bienen, das Virus oder das finale Raumschiff – alles erfüllt seinen Zweck und baut aufeinander auf.
Inszenatorisch hatte man nun die Gelegenheit, eben jene Elemente so darzustellen, wie es sich Carter wirklich vorgestellt hat, wo die Serie doch ab und zu mit monetären Beschränkungen zu kämpfen hatte. Orientieren sich die Dialoge in düsteren Gassen atmosphärisch abgesehen vom neuen Cinemascope-Format doch deutlich an der grauen Tristesse der kanadischen TV-Serien-Umgebung, lassen sich in Sachen Effekte deutliche Fortschritte verzeichnen. Als direktes Beispiel lässt sich wieder das Schwarze Öl anführen, das nun deutlich besser zur Geltung kommt als im Fernsehen, wo die Verschwärzung der Augen oft wie eine bloße Montage von sich aufbauschender schwarzer Tinte wirkte.
Das betrifft auch die Aliens: konnte man in der Serie die menschlichen Körper unter den Alienkostümen erahnen, sind die Movie-Aliens kompromisslos fiese, schwarze, schleimige Geschöpfe, die Gottseidank Einflüsse von „Alien“ aufweisen und deswegen nie in ihrer vollen Montur gezeigt werden, sondern sich stets auch im Schatten bewegen, womit das Mysteriöse deutlich an Zugkraft gewinnt.
Die Bienen- und Maisfeld-Szene geizt dagegen nicht mit Gigantismus, der in der Form außerhalb des Spielfilmgerüstes einfach nicht möglich gewesen wäre. Gleiches gilt für gesamte Arktis-Szene: das unterirdische Raumschiff-Set ist einfach grandios, das finale Abheben aus den Tiefen des Eis ein wahrer Leckerbissen für jeden Fan.
Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern musste zu diesem Zeitpunkt eigentlich überhaupt nicht hinterfragt werden. Die Lustlosigkeit von David Duchovny stellte sich erst so langsam nach dem Kinofilm ein, während Gillian Anderson weiterhin mit ihrer wackeren Rationalität und Treue erfreute. Hier jedoch gibt sich das Spiel zwischen beiden einmal mehr perfekt. Mulders trockener Humor kommt in diversen Szenen voll zur Geltung und scheut sich auch nicht davor, hin und wieder frühere Episoden zu zitieren („In all den Jahren, in denen wir uns kennen, wie oft habe ich mich da geirrt? Einmal. Zumindest, was das Autofahren betrifft.“). Mulders Eigenimitation seines Gesichtsausdrucks bei Panik ist brillant und selbstironisch, seine plumpen Antworten auf die philosophischen Monologe von Scully herzerfrischend. Auf der dramatischen Seite haben wir eine weitere Verdickung des Bandes zwischen beiden zu verzeichnen, das sich durch das gemeinsame Schicksal wegen der geschlossenen X-Akten ergibt. Den ersten Kuss hatte hier jeder Fan erwartet, doch mehr als zum Ansatz kommt es nicht, denn dieser wird gestört durch den Stich einer Biene, symbolisch auch durch den Stich des Lebenswerkes von Mulder und der Treue seiner langjährigen Partnerin, der jegliche privaten Hingaben verbietet.
Schließlich werden die Verhältnisse wieder zurechtgerückt: Mulder bekommt seinen Beweis (zumindest für sich selbst), Scully sieht ihn mal wieder nicht, und echte Beweise gegenüber den Vorgesetzten fehlen auch mal wieder. Wie Mulder so schön sagt, ist man mal wieder an dem Punkt, an dem man schon 1000 Mal war: so nah und doch so fern. Die Serie kann weitergehen. Und das tut sie mit „Der Anfang“.
Rob Bowmans erste Verfilmung lässt dem Fan kaum Wünsche offen. Ohne Kompromisse eingehen zu müssen, werden die Handlungsstränge um die Verschwörung optimal mit der gegenüber der Serie mehrwertigen Action verknüpft und gehen in einem nahezu perfekten Spannungsbogen auf. Sicherlich ist der Plot selbst für hartgesottene Seriengucker recht komplex, geht aber zumindest bei mehrmaligem Ansehen voll auf. Das Hauptziel, einen Knotenpunkt zu erstellen, an dem sich viele Fragen beantworten und neue Fragen aufgeworfen werden, wird jedenfalls erreicht. Einige logische Schwächen sind zwar erwartungsgemäß da, können aber verkraftet werden.
Für den Nicht-Kenner der Serie mag der Film recht uninteressant sein. Die stimmende Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern und die gelungenen Effekte sollten aber selbst von ihnen anerkannt werden. Ansonsten sollte „Akte X – Der Film“ aber eben den Serienguckern vorbehalten werden. Es wird ja niemand gezwungen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.