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Der Nahe Osten und ichIst die Linke kaputt?

Die digitale Öffentlichkeit bedroht die Demokratie, hat aber auf die Linken noch speziell eigenartige Wirkungen – auch über die Gaza-Debatte hinaus.

Auf Social Media verloren gegangen: die Diskursfähigkeit der linken Bewegung Foto: Jenny Kane/ap

I ch habe mich jetzt länger nicht zum Blutbad im Nahen Osten geäußert. Meine Ansichten dazu wären, knapp, folgende: Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober war ein bestialisches Verbrechen, das beim besten Willen durch kein Widerstandsrecht gerechtfertigt werden kann. Die Hamas selbst ist eine diktatorische islamistische Bewegung und eine Pest für ihr eigenes Volk. Jede Regierung der Welt hätte auf einen Anschlag wie dem vom 7. Oktober militärisch reagiert. Deshalb war klar, dass die Attacke zu einem fürchterlichen Krieg führen wird. Und dass dieser Krieg, in eng bevölkertem Gebiet, zu vielen Kriegsverbrechen führen wird.

Der Krieg gegen die Hamas wurde zu einem Langzeitmassaker mit zigtausenden toten Zivilisten, Kindern, mit Belagerung, Unterversorgung, medizinischer Katas­trophe, humanitärer Katastrophe, Hunger. Der Anschlag der Hamas war bestialisch, die Kriegsverbrechen der israelischen Streitkräfte und deren Regierung sind es auch. Gemessen an den völkerrechtlichen Standards, die wir in den vergangenen Jahrzehnten als Reaktion auf Menschheitsverbrechen etabliert haben, ist auch der Genozid-Begriff nicht abwegig, denn dafür braucht es heute nicht mehr die Ausrottung eines Volkes, sondern die Zerstörung seiner Lebensgrundlagen in einer wesentlichen Region, die ethnische Säuberung und Vertreibung und eine Rhetorik, die auf genozidale Absichten wie großangelegte Vertreibungsverbrechen schließen lässt.

Die Klage Südafrikas gegen die Netanjahu-Regierung vor dem internationalen Strafgerichtshof war plausibel begründet. Andererseits ist der Genozid-Begriff in diesem Fall derart zu einem Buzzword geworden, dass er selbst schon toxisch ist und nur mit spitzen Fingern angegriffen werden kann. Ohnehin sind auch „normale“ Kriegsverbrechen kein Kavaliersdelikt.

Kurzum: Ich halte sowohl die Hamas als auch die rechtsradikale Netanjahu-Regierung mit ihren faschistischen Koalitionspartnern für Verbrecher. Ich halte den Terror der Hamas für bestialisch und die fürchterliche Kriegsführung der Israelis auch.

Für die einen ein Antisemit

Für die einen bin ich wahrscheinlich ein Antisemit (weil ich auch Netanjahus Krieg kritisiere), für die anderen ein Komplize „des Genozids“ (weil ich die Hamas nicht für eine geile Widerstandsbewegung halte, deren Handeln allein durch Besatzung, Gewalt und Vertreibung gerechtfertigt ist).

Ich habe angemerkt, dass ich mich dazu schon länger nicht geäußert habe. Weil man sich permanenten Ärger mit den Verrückten aller Seiten einhandelt, wenn man es tut. Aber es gibt auch noch einen zweiten, mindestens so wichtigen Grund: Ich habe nicht das Gefühl, dass man überhaupt etwas bewirken könnte. Die Radikalen sind gar nicht mehr erreichbar. Und generell sind die Diskurse so entgleist, dass es völlig sinnlos scheint, hier noch Reparaturversuche zu unternehmen.

Ich habe ja den Eindruck, dass diese – meine – Auffassung, die ich hier geschildert habe, von der überwältigenden Mehrheit aller Menschen links der Mitte grosso modo geteilt wird. Geschätzt sind es neunzig Prozent. Diese neunzig Prozent halten, so wie ich, die Klappe. Laut sind nur die Knalltüten an den Rändern, die aber fast hundert Prozent der Aufmerksamkeit für sich bekommen. Das ist ein Problem.

Sie haben bestimmt indes den Eindruck, dass diese Kolumne Israel, Palästina, den Gazakrieg als Thema hat. Aber das ist falsch. Die vergifteten Zerwürfnisse zu diesem Krieg sind nur ein Exempel. Das Thema ist die Krise der Demokratie und die Kaputtheit der Linken. Und das Thema ist auch das Internet. Das Netz hat die radikale Linke völlig ruiniert.

Das Netz triggert Radikalisierung

Während der Strukturwandel digitaler Öffentlichkeit Gesellschaften als Ganzes so polarisiert hat, dass die Demokratie in akuter Gefahr ist, hat er innerhalb der Linken noch einmal eine besonders eigentümliche Wirkung. Er verstärkte die Sektenhaftigkeit, die ohnehin latent immer vorhanden war. Gruppenradikalisierung, die einst auf kleinere Zirkel begrenzt war, kann sich heute in größeren Zusammenhängen entfalten. Und fast zu jedem x-beliebigen Thema. Das Netz schafft nicht nur die Möglichkeit, ein größeres Publikum zu erreichen, die Technologie selbst triggert auch noch die sektenhafte Radikalisierung. Der Philosoph Harry Lehmann spricht von „Gruppenpolarisierungsprozessen“, welche „sich in der digitalen Medienwelt exponentiell verstärken“.

In dieser neuen Ordnung der Diskurse ist eine Person, die eine Ansicht hat, die leicht von der eigenen Überzeugung abweicht, nicht nur eine Person mit einer anderen Meinung, sondern wird ganz schnell auch zu einem moralisch verdammenswerten Subjekt, wie in unserem Exempel (entweder „Antisemit“ oder „Komplize des Genozids“). Völlig durchgeknallte Spinner haben durch die neue Technologie nicht nur leichtes Spiel, es gibt sogar einen inhärenten Anreiz, zu einem durchgeknallten Spinner zu werden.

Nahost-Konflikt

Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Gegenoffensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.

Man wird nämlich in einem solchen System nicht dafür belohnt, Fäden der Kommunikation über die eigenen Kreise hinaus zu knüpfen und Menschen mit anderer Ansicht zu überzeugen. Es gibt einen viel höheren Anreiz, zum Star der eigenen Gruppe zu werden. Gesinnungsgemeinschaft plus Gruppenpolarisierung führen dazu, dass Sprecherfiguren entstehen, also politische Influencer, die in jeder erdenklichen Hinsicht vom Applaus der eigenen Gruppe leben. Den dürften sie nicht einmal riskieren, wenn sie das wollten.

Das führt logischerweise dazu, dass sich die jeweils härteste, radikalste Position durchsetzt, und der Influencer oder die Influencerin darf niemals so etwas wie Ambivalenz oder Ambiguitätstoleranz erkennen lassen. Zugleich läuft jeder in den Gruppen Gefahr, niedergemacht zu werden, der aus dieser Dynamik ausschert. Menschen außerhalb der Gruppen werden sowieso entschlossen bekämpft. Beliebte Instrumente dafür sind etwa das bekannte vorsätzliche, böswillige Missverstehen, die niederträchtige Unterstellung oder die perfide Diffamierung.

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Robert Misik
Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.
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64 Kommentare

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  • Danke …anschließe mich

    unterm—-



    “…wo Robert Misik draufsteht…“



    & anlaßpassend -



    “Aufrecht stehen, nicht auf Knien, das muss der zeitgenössische Journalismus erst üben“



    Robert Misik



    misik.at/

  • Genau so nehme ich das auch wahr: 90% der Menschen in meinem Umfeld sind dieser Ansicht, aber ich sage lieber gar nichts mehr dazu.

  • Ein Artikel, der eint und Brücken baut - wie wertvoll für alle Leser, danke!

  • Nein, Sie sind absolut nicht allein mit dieser Ansicht Herr Misik und freue mich gerade über diesen ausgewogenen Artikel. Danke!

  • "Ich habe ja den Eindruck, dass diese – meine – Auffassung, die ich hier geschildert habe, von der überwältigenden Mehrheit aller Menschen links der Mitte grosso modo geteilt wird."



    Ich würde mich sogar so weit aus dem Fenster lehnen zu sagen, dass selbst rechts der Mitte noch viele diese Auffassung teilen.



    Danke für diesen deutlichen Beitrag.

  • Absolute Zustimmung zu diesem Artikel!

    Was die Polarisierung betrifft ist es in der Konfliktforschung bekannt, dass bei zunehmender Zuspitzung die Mitte dazu gedrängt wird sich eindeutig zu positionieren, da sie sonst als Gegner beider Seiten wahrgenommen wird. So spitzt es sich weiter zu oder viele schweigen aus Sorge niedergemacht zu werden.



    Das Internet scheint derartige Prozesse inhärent zu verstärken. Soziale Medien sind Polarisierungsmaschinen. Gift für differenzierte Diskurse! Gut für Antipluralisten.

    Zugleich sind es wenige Akteure die am lautesten sind. Nach Steffen Maus Untersuchungen ist die Polarisierung nämlich eigentlich gar nicht so groß in der Gesellschaft wie es scheint. (Das ist aber eine allgemeine Studie, nicht explizit auf Gaza/Usrael bezogen)

  • Die Krise der Demokratie besteht sicherlich nicht nur in D-Land, sondern weltweit ist die Herrschaft der Bevölkerung - was ja Demokratie sein soll - eine Farce. Aber der Autor Robert Misik kommt dann unmittelbar auf "die Linken" zu sprechen, die durch soziale Medien einerseits Reichweite, andererseits sektenartige "radikalisierte" Blasen besitzen.

    Warum spricht Misik nicht von der Krise des Internets unter undemokratischen Verhältnissen? Ist das Internet nicht durch Zensur, Shadowbanning, Denunziation durch private und staatliche Akteure zu einem Torso des blockierten Austausches und der zerstückelten Diskussion verkommen?

    Wieso Herr Misik kommen Sie hier mit bloßen psychologischen Verhaltensdeutungen ausgerechnet in bezug auf "die Linken", wo doch jene skizzierten Verhältnisse viel maßgeblicher sind?

    Die Krise der Demokratie ist m.E. auch eine Krise des Agierens von Zuckerberg, Musk und undemokratischen Staaten, denen die freie gesellschaftliche Debatte ein Dorn im Auge ist.

    Aber auch Rechte, Esoteriker, Wissenschaftsfeinde etc. hassen die argumentative Auseinandersetzung.

    Dieses unselige Bündnis ist m.E. das Hindernis für ein demokratisches Internet.

  • Für einen notorischen Zweifler wie mich ist eine politische Gruppenzugehörigkeit schon länger nicht mehr möglich. Ergänzen möchte ich hier noch dass die vermeintliche "Rettung der Demokratie" auch schon ein Schlagwort geworden ist, bei dem ich sehr misstrauisch werde.

    • @Verboten:

      Weil weiter unten der "True Scotsman" in die Runde geworfen wird: Dann stehst du nicht für die Demokratie, wenn du bei der Rettung misstrauisch wirst.

      Denke daher schon, harte Trennlinien müssen gezogen werden. Die Spreu vom Weizen trennen.

      • @Troll Eulenspiegel:

        Diese derart ins Absolute gesetzten Aussagen sind vielleicht schon ein Schritt in vom Autor kritisierte Haltungen. Sicherlich läuft diese meine Argumentation auf eine Spielart von "Selber, selber!" hinaus.

      • @Troll Eulenspiegel:

        Also retten nur die "wahren" Linken die Demokratie?

        (de.wikipedia.org/w...in_wahrer_Schotte)

        Dann bräuchten wir erstmal genauere Definitionen von Links und Demokratie. Da wird es schon sehr schwierig.

        • @Verboten:

          Ich finde auch Folgendes merkwürdig: 'Linke' (im weitesten Sinne) äußern sich häufig erst dann als Verteidiger einer Sache, wenn diese ernsthaft bedroht erscheint und in der aktuellen Form kaum noch zu retten. Beispiel sind die häufigen Verteidigungsversuche des - von ihnen selbst so bezeichneten - Sozialstaats. Wurde der auch schon vor den ganzen "Reformen" (ich setze hier mal das Jahr 1998 mit dem Beginn der Schröder-Fischer-Regierung als Ausgangspunkt). Natürlich gab und gibt es da allerhand Verteidigenswertes, aber vielleicht sind da irgendwie proaktivere Vorgehensweisen zielführender als die Einsicht, etwas erst beim beginnenden Verlust zu schätzen und dafür einzustehen. WIE das gehen könnte, weeß ick ooch nääch (Berlin meets North). Aber ist "die Demokratie" bedroht? Von vielen Seiten vielleicht? Woran ich weniger glaube, ist eine Bedrohung durch die "Ränder" (nein, das ist kein Appell zu einer wie auch immer gearteten "Querfront"!). Ich halte den Extremismus von sich gerne mittig/gebenden Leuten für wesentlich gefährlicher, da die - allen Fakten zum Trotz - eben gerne als dsd gesehen werden, was sie gerade nicht sind: gemäßigt, besonnen, rechtbasiert.

  • "für die anderen ein Komplize „des Genozids“ (weil ich die Hamas nicht für eine geile Widerstandsbewegung halte, deren Handeln allein durch Besatzung, Gewalt und Vertreibung gerechtfertigt ist)."

    Wer hingehört und gelesen hatte wusste, dass viele der propalästinensischen Aktivisten explizit die Hamas und ganz besonders deren Vorgehen abgelehnt haben.

    • @Rudolf Fissner:

      "Wer hingehört und gelesen hatte wusste, dass viele der propalästinensischen Aktivisten explizit die Hamas und ganz besonders deren Vorgehen abgelehnt haben."

      Nein, das denken Sie sich aus. Wer hingehört und gelesen hatte wusste, dass viele der propalästinensischen Aktivisten implizit für die Hamas und ganz besonders deren Vorgehen viel Verständnis haben.

    • @Rudolf Fissner:

      Auf den propalistinensischen Demos dürfte das schwierig gewesen sein. Da hätte so manche gesondert organisierte Demo mit dieser expliziten Abgrenzung gutgetan.

    • @Rudolf Fissner:

      Und viele taten es nicht.

      Die taz berichtete.

      Außerdem spricht der Autor nicht nur von Aktivisten.

      • @rero:

        Bei den Organisatoren der Aktionen und den unterstützenden Gruppen konnte man die konsequente Ablehnung der Hamas konsequent nachlesen.

        • @Rudolf Fissner:

          Die Organisationen handelten unterschiedlich und die Demonstranten verhielten sich unterschiedlich.

          War in Berlin hervorragend zu beobachten.

          Sorry, Sie sind normalerweise jemand, der argumentativ sehr gut aufgestellt ist.

          Nie mit gefühlten Fakten kommt.

          (Letztens hat mich jemand im Kommentar als "Herr Fissner" bezeichnet. Ich habe es nicht als Beleidigung angesehen. :-D)

          Aber bei diesem Thema verstehe ich Sie nicht.

        • @Rudolf Fissner:

          Sorry, aber bei fast allen Aktionen in Berlin war das nicht ersichtlich.

          • @Emmo:

            Bei welcher Gruppe war das nicht ersichtlich?

    • @Rudolf Fissner:

      Genau so ist es.

  • Menschenrechte sind ein zentraler Bestandteil linker politischer Strömungen und Ideologien. Wer die Menschenrechte missachtet, etwa indem er die Hamas oder Israels Vorgehen gegen Gaza unterstützt, kann sich nicht als Teil der linken Bewegung sehen. In diesem Fall gibt es keine echte Debatte innerhalb der Linken, sondern einen klaren Gegensatz zwischen denen, die sich für Menschenrechte einsetzen, und denen, die sich mit extremen, menschenrechtsverletzenden Positionen solidarisieren - Positionen, die dem rechtsradikalen Rand zuzuordnen sind und damit mit der Linken nichts zu tun haben.

    • @MadCow:

      Der "True Scotsman" hilft Ihnen da nicht weiter.

      Man muss sich schon mit den unschönen Seiten in der eigenen Gruppe auseinandersetzen.

    • @MadCow:

      Menschenrechte sind auch ein Bestandteil der Agenda der Mitte und von Mitte Rechts. Als sie nach dem 2. Weltkrieg "erfunden" wurden, waren sie weder links noch rechts. Von daher ist es per se falsch zu sagen, dass das ein Auschlusskeiterium ist. Linksextremisten z.B. gehen flexibler mit Menschenrechte um.

      • @FEB:

        Flexibler als wer bitte?

  • Meine volle Zustimmung.

  • Vielen Dank für diesen Artikel. Schaut man auf die Erfolge der außerparlamentarischen Linken in den letzten zwanzig+ Jahren, dann waren es stets Offline-Bündnisse, die untereinander und mit AkteurInnen der linken Mitte geschmiedet wurden. Bündnisse wofür? Nun, um offline etwas zu bewirken. Das sollte auch die Zukunft sein: Digital detox für eine Linke, die bündnisfähiger werden muss, und intervenierender (augenzwinker!). Ich jedenfalls kenne nicht einen Erfolg, der entscheidend von digitaler Kommuniaktion abgehangen hätte.

    • @Comandanta Ramona:

      'Ich jedenfalls kenne nicht einen Erfolg, der entscheidend von digitaler Kommuniaktion abgehangen hätte.'

      Auf linker Seite nicht. Das ist ja genau das Problem.

  • Gut, dass der Autor sich nach längerem Schweigen sich dazu durchgerungen hat, diesen Artikel zu schreiben! In der Verstummung liegt die Gefahr.



    Vielen Dank!

  • Dass Social Media bzw kommunikative Internet-Aktivitäten häufig einen toxischen Charakter annehmen, ist so neu nicht. Wichtig ist aber hier die Fokussierung auf den Aspekt, dass man anhand von Texten von guten oder weniger guten Bekannten schnell dazu übergeht, eine im Einzelfall ungünstige Positionierung sofort als moralische Verwerflichkeit einzuordnen. Die problematische Tendenz ist, dass man immer mehr dazu neigt zu sagen, alles Idioten außer ich.

  • Seit längerem mal wieder ein Essay von Robert Misik, dem ich voll und ganz zustimmen kann (sowohl zu Nahost als auch zur medienpolitischen Metaebene). Habe den Eindruck, dass in der Realwelt außerhalb des Internet viel eher so etwas wie Ambivalenz möglich ist, zumal in kleinteiligen Zusammenhängen. Das heißt nicht, dass man sich "in der Mitte trifft", sondern dass man Differenzen auf unterschiedliche persönliche, auch biografisch bedingte Überzeugungen zurückführen kann, die sich letztlich einer Wertung entziehen. Im Netz dagegen neigt man leicht zu einem Einsortieren in Lager, bei dem Binnendifferenzen innerhalb der Lager verschwimmen und die Grenzen zwischen den Lagern absolut erscheinen.

  • Der Zustand der politischen Linken war, ist und bleibt durch folgende Frage am besten zu beschreiben:

    Seid ihr von der judäischen Volksfront?

    • @QuantumRider:

      Elende Spalter! Wir sind die Volksfront von Judäa!

  • So viele Teile dieses Artikels sind es wert, bedacht und zitiert zu werden. Einmal die Positionierung zu den (selbst-)zerstörerischen Massakern in Israel und Palästina:

    "Kurzum: Ich halte sowohl die Hamas als auch die rechtsradikale Netanjahu-Regierung mit ihren faschistischen Koalitionspartnern für Verbrecher. Ich halte den Terror der Hamas für bestialisch und die fürchterliche Kriegsführung der Israelis auch."

    Das Grundproblem heutiger Diskurse:

    "Man wird nämlich in einem solchen System nicht dafür belohnt, Fäden der Kommunikation über die eigenen Kreise hinaus zu knüpfen und Menschen mit anderer Ansicht zu überzeugen. Es gibt einen viel höheren Anreiz, zum Star der eigenen Gruppe zu werden."

    (Die Frage wäre natürlich, ob man dafür jemals belohnt wurde.)

    Und, tausendmal erprobt:

    "Menschen außerhalb der Gruppen werden sowieso entschlossen bekämpft. Beliebte Instrumente dafür sind etwa das bekannte vorsätzliche, böswillige Missverstehen, die niederträchtige Unterstellung oder die perfide Diffamierung."

    Ein brillanter Artikel. Wir müssen uns aber die Frage stellen, wie wir wieder zurück zu demokratischer Kultur kommen.

    Einfach weil wir es müssen.

  • Viel wahres und richtiges. Danke.

    Nur mit einem gehe ich nicht ganz konform:



    "... Influencer oder die Influencerin darf niemals so etwas wie Ambivalenz oder Ambiguitätstoleranz erkennen lassen."

    Jeder spielt in seiner Gruppe sein Spiel, seine Position. Das kann aber eben auch die Position des gemäßigten sein. Oder die Position des Extremisten, der immer mal wieder durch faktenbasierte Logik überrascht. Das gilt zumindest für alle Gruppen und Chats der erweiterten Mitte. Möglich, dass es bei Extremisten rechts wie links anders sein mag, dass hier das Trennende wirklich stärker ist als das vereinende. Wenn rechts höre ich das aber selten.

    • @Dr. Idiotas:

      Dank der Profit-durch-Hass Algorithmen können sich reflektierte Positionen in den asozialen Medien prinzipiell nicht durchsetzen. It's by design.

  • Danke für diesen Beitrag – und damit verbunden die Aufforderung an alle Nicht-Durchgeknallten, sich doch oder erst recht zu äußern.

  • Wirklich selten in der taz, aber zu diesem Artikel kann ich wirklich jedes einzelne Wort unterschreiben. Und obwohl dieses unsägliche Schwarz/Weiß Denken den gesamtes Diskurs zum Nahostkonflikt überlagert, wird dieser im linken Lager besonders radikal und undifferenziert geführt.



    Niemand, der erntshaft Menschen und besonders Zivilisten universell geltende Rechte einräumt, kann so einseitig und ignorant auf die Opfer und Verbrechen dieses Konfliktes schauen, wie die Hardliner beider Seiten es tun.



    Bei direkt Betroffenen vor Ort, die Angehörige betrauern und in ständiger Angst leben, kann ich das noch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Bei den ideologischen Eiferern, die hier fernab dessen so argumentieren, halte ich das für eine unerträgliche Vereinnahmung dieses Konfliktes für persönliche Profilierung.



    Und weil ich es auch für das größte Problem halte, dass die besonders lauten "Knalltüten an den Rändern" fast hundert Prozent der Aufmerksamkeit für sich bekommen, wünsche ich mir mehr solche differenzierten Artikel, wie den obigen.

  • Für eine Brandmauer gegen Netanyahu werben im Spiegel Simon Stein und Moshe Zimmermann, die die Linke in Israel repräsentieren.



    Sie warnen den kommenden Kanzler Merz vor einer laschen Haltung der deutsche Politik gegenüber der rechtsradikalen Regierung. Denn beide befürchten, dass Netanyahu die liberale Demokratie in Israel abschaffen will. Die deutsche Politik dürfe die rechtsradikale israelische Regierung nicht bedingungslos militärisch unterstützen.

    Zitat

    "Jetzt aber wird diese Frage noch akuter, sowohl wegen der Aussagen von Kanzler-in-spe Merz als auch, und vor allem, wegen der Art der Politik, die Israel in den vergangenen Monaten betrieben hat: einer Politik, die sich sowohl nach innen wie nach außen (Westjordanland, Libanon, Syrien, Iran) ständig radikalisiert".

    www.spiegel.de/aus...-8d4e-47bea340f655

  • Leider eine zutreffende Beschreibung. Zu hoffen bleibt, dass die Rechten sich auch eines schönen Tages in den Diskursen und Gruppen selbst schreddern.

    • @aujau:

      Nun, der Kommentar trifft auch auf die Linken zu.

      • @Nachtsonne:

        Die Linken machen das schon seit der Marx-Erstauflage so.

  • Leider nur all zu wahr. Konstruktive Argumente zählen nicht mehr, nur noch destruktive Kommunikation. Selbst wenn die eigene Gruppe sehenden Auges in den Abgrund fährt, wird ihr weiter zugejubelt. Eine Welt voller Egoisten, Oppurtunisten und Faschisten. Man braucht sich nicht mehr zu fragen, welcher Typus der schlimmste ist, man kann sie getrost über einen Kamm scheren

  • Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Er spricht mir aus der Seele.

  • …da ist leider eine Menge Wahres gesagt!

  • Das ist eine sehr treffende Analyse! Vielen Dank für diese besonnenen und klaren Worte.



    Besonders wichtig scheinen mir diese Worte:



    "Das führt ... dazu, dass sich die jeweils härteste, radikalste Position durchsetzt, und der Influencer oder die Influencerin darf niemals so etwas wie Ambivalenz oder Ambiguitätstoleranz erkennen lassen. "



    Vielleicht ist das ganz generell die Quintessenz des Internets, denn auffallend ist, dass es auf der rechten Seite exakt genauso verläuft....

    • @nutzer:

      Genau das. Teile und herrsche.

  • Es stimmt sicher, dass das Diskussionsklima im Internet (nicht nur in der Linken) zu einer immensen Polarisierung beiträgt (auch deshalb, weil es zunehmend realen Aktivismus ersetzt – der Punktsieg in sozialen Medien scheint auf einmal wichtiger als wirkliches Engagement: die scheinbar größere Reichweit geht mit einer Atomisierung der Linken zu einer unverbundenen Menge querulantischer Individuen einher). Ich frage mich aber, ob das Internet hier Ursache oder Katalysator ist: den Hang zur Sektenbildung gab es zwar früher auch, aber ein paar politische Projekte, um die herum sich Anhänger gesammelt haben. Dass solche Fixpunkte verloren gegangen sind, liegt nicht an Leserforen, sondern darin, dass der Linken das Programm (oder auch: die Programme) abhanden gekommen ist. Das heißt nicht, dass es an theoretischer Bildung mangelt – nur erschöpft sich diese in akademischen Debatten. Damit mag man Proseminare dominieren, aber eine reale politische Kraft braucht ein Projekt, das konkret und überzeugend ist. Und genau daran fehlt es: ich weiß wirklich nicht, wofür die Linke steht, außer abstrakten Diskursen und gelegentlichen Moralapellen.

    • @O.F.:

      Das Problem ist dabei, dass diese Atomisierung nur auf der Linken Seite passiert. Die Rechte marschiert vereint, so lange, bis sie an der Macht ist, und wird dann unter sich ausmachen, welche Sekte die totale Kontrolle gewinnt. Ein Höcke und eine Weidel hassen und verachten sich bei minimaler Kongruenz gegenseitig aus tiefstem Herzen, aber sie gehen den Weg so lange gemeinsam, bis aller nicht-rechter Widerstand aufgerieben wurde. Linke können das erfahrungsgemäß nicht, was mir als Linkem naturgemäß sympathisch ist und gleichzeitig große Sorgen bereitet.

      • @Systemknecht:

        Jein. Ob sich bestimmte Rechtsaußenpolitiker hassen und verachten? Keine Ahnung - aber spielt das eine große Rolle? Ich denke, Zweckbündnisse können Leute jeder Orientierung eingehen - und sie tun das auch. Vielleicht nicht das beste Beispiel (da wohl kaum "links"), aber eben doch: die Grünen, schaffen es seit Jahrzehnten, sich gegenseitig die Ohren mit "Liebe Freundinnen und Freunde" vollzusülzen, was natürlich die reinste Heuchelei ist, denn das Projekt 'Mein Dienstwagen' steht halt auf jeder Agenda ganz oben. Dann noch dies: Auch die Reaktionäre geraten sich früher oder später nachhaltig in die Haare - spätestens, wenn ihr jeweiliges Nationenprojekt mit dem aus anderen Gebietskörperschaften zusammenrasselt...

    • @O.F.:

      Der "Punktesieg", den ich unterstütze, hat damit zu tun, dass es sich um das Internet handelt. Mit tausenden, unentschlossenen, die mitlesen. Wer das Argument gewinnt, der gewinnt auch die Unentschlossenen.

      Versuch doch mal die Twitter-Challenge: In 140 Zeichen tausende unpolitische Menschen zu Unterstützer für Menschenrechte zu verwandeln. Und mit Unterstützung meine ich u.a. Gendersternchen, No Borders No Nations, Solidarität mit sogenannten Klimaklebern.

      Leider schaffen es die Rechten genau anders herum in Social Media, mit Fake-News und Desinformationen wird gegen Flüchtlinge, Klimawandel, Abtreibung gehetzt.

  • Was für ein angenehmer Beitrag! Danke dafür und bitte mehr davon.

  • Wahr, wie wahr, leider. Sowohl beim Beispiel, wo man anscheinend nur auf einer Seite stehen darf ("Haltung"), als auch generell.



    Wir haben doch die Zeit und den Raum zum Differenzieren: nutzen wir das doch auch.

  • Sie sprechen mir aus der Seele, danke!



    Dieses am Beispiel der social media (die ich nicht nutze) dargestellte asoziale Verhaltensweise gibt es aber auch zuhauf im persönlichen Umfeld. Auch da ist es oft besser, man hält die Klappe (was mir aber sehr schwer fällt :))

    • @Maxhamburg:

      Auch das TAZ Forum ist ein soziales Medium, und hier passiert gerade in Hinsicht auf den Gaza Konflikt exakt das, was Robert so anschaulich beschreibt. Wer beide Seiten zu Recht kritisiert, verbündet sich angeblich mit der jeweils falschen. Die simple Einsicht, dass mehr als eine Aussage zutreffen kann, überfordert eine signifikante und lautstarke Gruppe so sehr, dass ein bedeutungsvoller Diskurs unmöglich wird. Sachliche und faktenbasierte Aussagen über die israelische Regierung werden gerade hier mit einem "Ja aber der 7. Oktober!" beiseite gewischt (you know, who you are) aber auch anders herum funktioniert das Spiel. Schon der Umzug vom Dorf in die Stadt hat uns Menschen überfordert, der ins "globale Dorf" gibt uns den Rest. Leider fällt mir ausser den Mund immer öfter zu halten und mich still zu wundern nichts mehr dazu ein.

      • @Systemknecht:

        Ich würde das jetzt nicht unbedingt so negativ bewerten, wenn man sich argumentativ zwischen alle Stühle setzt … möglicherweise geht es dabei ja nicht um so etwas wie die ultimative Wahrheit bzw. um die Erkenntnis, dass diese sich vielschichtig, differenziert präsentiert. Manchmal ist „die“ Wahrheit ganz einfach, zuweilen gibt es viele davon.



        Auch kann es sein, dass ich ab und an gerne bewusst den Advocatus Diaboli spiele, um zu provozieren, um erlahmende Diskussionen - oder solche mit zu großer Einmütigkeit - am „Laufen“ zu halten. Dann geht es u.U. nicht um die Inhalte, sondern einfach den Spaß an der Debatte, den Rollenspiel-Charakter dabei.



        Mit Rechts- und Linksextremisten, mit religiösen Eiferern macht das alles freilich keinen Spaß und keinen Sinn. Und davon gibt’s leider immer mehr.

  • Der Artikel ist zum Teil gut. Aber er schlägt fehl wenn behauptet wird, dass Israel-Kritiker den Author automatisch als Genozids Befürworter einstufen würde. Es stimmt auch nicht, dass unter dieser letzten Gruppe nur die "radikalsten" reden. Rede doch mit Leuten wie Tomer Dreyfus, Helen Fares, Deborah Feldman oder Sawsan Chebli, die ganz bestimmt die Hamas nicht gut finden. Also ist die "Theorie" falsch.

    • @FEB:

      Nur widerfährt den von die genannten Personen stets genau das, auch hier.

    • @FEB:

      👍

    • @FEB:

      Vielen Dank für den unfreiwilligen Beleg für Herrn Misiks Beobachtungen.

  • Danke! Einfach nur danke dafür. Ich sehe das ähnlich, bleibt nur die Frage, wie wir aus der Passivität herauskommen und neue Bündnisse finden.



    Ambiguitätstoleranz war übrigens leider auch schon "vor dem Internet" nicht unbedingt eine Stärke der radikalen Linken (von anderen Gruppierungen selbstverständlich auch nicht), wenn ich da an die ideologischen Grabenkämpfe der 1990er denke.

  • So ist es wohl. Die 90%-Schätzung könnte korrekt sein. Beim Sprechen (oder eher Tippen) über den Nahostkonflikt werden leider unzählige Dinge mitverhandelt (Meinungsfreiheit, Staatsverständnis, Migrationspolitik, Vergangenheitsbewältigung etc.). Daher fühlen sich mehr Leute berufen, sich zu beteiligen, als dem Diskurs (der eigentlich ein Diskursbündel ist) gut tut; oft Menschen, denen Israel/Palästina nicht unbedingt wichtig sein müsste.

    • @My Sharona:

      Dürften Sie einen wichtigen Punkt ansprechen.

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